Interview mit Alexander Koffka, ABO Wind

"Politisch findet nun ein Umdenken statt."

Murphy&Spitz im Gespräch mit Alexander Koffka, ABO Wind, über die Kapitalerhöhung der ABO Wind, den Ausbau von Windenergie in Deutschland und die Perspektiven für die Energiewende.

Murphy&Spitz: Herr Koffka, können Sie uns die ABO Wind einmal kurz vorstellen?

Alexander Koffka: ABO Wind entwickelt und errichtet weltweit Erneuerbare-Energien-Anlagen. Zu Beginn unserer bald 25-jährigen Unternehmensgeschichte haben wir uns auf Windparks konzentriert. Mittlerweile arbeiten wir ebenso engagiert an Solarparks. Die beiden Gründer, Jochen Ahn und Matthias Bockholt, deren Initialen im Firmennamen wiederzufinden sind, haben 1996 zu zweit mit der Entwicklung rheinhessischer Windparks angefangen. Heute planen, errichten und finanzieren rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Wind- und Solarparks in 16 Ländern auf vier Kontinenten.

 

Murphy&Spitz: Wie hoch ist der Auslandsanteil am Umsatz und welche Bedeutung hat das Auslandsgeschäft für ABO Wind?

Alexander Koffka: Mehr als die Hälfte unseres Geschäfts machen wir mittlerweile im Ausland – mit steigender Tendenz. Von der Zentrale in Wiesbaden aus steuern wir die Aktivitäten. Von dort erbringen wir auch zentrale Leistungen wie die Finanzierung der Projekte. Länder wie Frankreich, Finnland, Spanien oder Irland tragen seit Jahren stetig zu unseren Erträgen bei. In Griechenland und Ungarn haben wir 2019 und 2020 unsere ersten Solarparks ans Netz gebracht. In Polen werden wir 2021 einen ersten Windpark errichten. Weitere Länder wie Südafrika, Kanada oder die Niederlande sollen künftig ebenfalls zum Geschäftserfolg beitragen. Da die Entwicklung eines Windparks drei bis fünf Jahre dauert (Solar geht etwas schneller), braucht man Geduld, wenn man in einem neuen Land anfängt. Zumal die Bedingungen für erneuerbare Energien überall anders sind. Das heißt, es gibt für uns in jedem Land viel zu lernen.

Murphy&Spitz: Anfang August haben Sie eine Kapitalerhöhung aus dem Genehmigten Kapital durchgeführt, an der sich auch der Murphy&Spitz Umweltfonds Deutschland beteiligt hat. Diese ermöglicht es der ABO Wind, das Bezugsrecht der anderen Aktionäre auszuschließen. Warum wurde dieser Weg gewählt?

Alexander Koffka: Eine Kapitalerhöhung mit Bezugsrecht kostet deutlich mehr Zeit und Geld. Deshalb haben wir gerne die Chance genutzt, unsere Eigenkapitalbasis schnell und kostengünstig zu stärken.

Murphy&Spitz: Was hat die ABO Wind mit den Geldern aus der Kapitalerhöhung vor?

Alexander Koffka: Weltweit arbeiten wir an Projekten mit zusammen mehr als 12.000 Megawatt Leistung. Viele unserer Wind- und Solarparkprojekte nähern sich nun der Baureife. Darunter sind viele große Projekte mit 100 oder 200 Megawatt Leistung. Indem wir unsere Kapitalausstattung verbessern, können wir mehr dieser Projekte selbst schlüsselfertig errichten.
Wind- und Solarparks zu errichten, ist kapitalintensiv, da die Anlagenhersteller nach Baufortschritt bezahlt werden. In der Regel bestellen und bezahlen wir die Anlagen erst, wenn wir mit einer Bank eine Projektfinanzierung abgeschlossen haben. Um Inbetriebnahmefristen einzuhalten, ist es aber – gerade im Zusammenhang mit Vergütungsausschreibungen – gelegentlich sinnvoll, schon vor Abschluss einer Projektfinanzierung mit dem Bau zu beginnen. Dazu bedarf es einer starken finanziellen Basis.
In den vergangenen Jahren haben wir einige große Projekte bereits in der Entwicklungsphase veräußert. Das hat sich gelohnt, weil die Marktbedingungen etwa in Spanien dafür günstig waren. Gleichwohl streben wir an, künftig mehr Projekte erst mit der Inbetriebnahme zu veräußern, um einen größeren Teil der Wertschöpfungskette umzusetzen. Mit unserer Kapitalbasis wachsen unsere diesbezüglichen Möglichkeiten.

 

Murphy&Spitz: Wie sehen Sie die Situation für die Windkraft in Deutschland?

Alexander Koffka: Der Ausbau der Windkraft hinkt den politischen Zielen aktuell weit hinterher. Damit wir es schaffen, ab 2030 mindestens 65 Prozent unseres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken, müssen wir da anknüpfen, wo wir 2017 bereits waren. Damals gingen bundesweit 5.000 Megawatt Windkraft ans Netz. Von 2017 bis 2019 aber sind die Genehmigungen um 80 Prozent zurückgegangen. Schuld daran war unter anderem mangelnde politische Unterstützung. Ich habe den Eindruck, dass nun ein Umdenken einsetzt und die Situation langsam wieder besser wird.

 

Murphy&Spitz: Welche regulatorischen Änderungen müssen vorgenommen werden, damit der Anteil der Windkraft in Deutschland wieder kräftiger und rascher zulegen kann?

Alexander Koffka: Unter anderem brauchen wir ein neues Verständnis von Artenschutz. Es ist absurd, Klimaschutz auszubremsen, damit einzelne Rotmilanexemplare nicht durch Windkraftanlagen gefährdet werden. Wenn es der Menschheit nicht gelingt, den Klimawandel zu begrenzen, wird der Rotmilan gemeinsam mit Tausenden weiterer Arten aussterben. In dieser prekären Situation erleben wir in Deutschland, dass Standorte, die seit 20 Jahren für Windkraft genutzt worden sind, plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen. An vielen solcher Standorte haben Rotmilane und andere geschützte Vogelarten im Umfeld laufender Windkraftanlagen Nistplätze errichtet. Wenn die alten Anlagen nun abgebaut und durch neue ersetzt werden sollen (auf Neudeutsch spricht man von Repowering) gibt es dafür oftmals keine Genehmigung. Mit Hinweis auf die zwischenzeitlich angesiedelten Rotmilane legen die Naturschutzbehörden Veto ein. Das ist eine der Ursachen, warum immer weniger Raum für Windkraftnutzung zur Verfügung steht.

 

Murphy&Spitz: Welche Maßnahmen hat die ABO Wind ergriffen, damit die Akzeptanz für Windkraft-Projekte von der Bevölkerung vor Ort steigt?

Alexander Koffka: Wir setzen auf Transparenz, frühzeitige Information und den Dialog mit den Anwohnern. Auf eigenen Internetseiten stellen wir unsere regionalen Planungen für Windparks vor. Und wir organisieren Infomessen, zu denen wir auch Gegner einladen. Falls sich vor Ort eine Bürgerinitiative gegen Windkraft engagiert, laden wir diese Leute ein, mit einem Stand bei unserer Messe dabei zu sein. Unsere Erfahrung ist, dass der Austausch von Argumenten hilft, irrationale Ängste zu überwinden. Eingefleischte Windkraftgegner lassen sich zwar selten überzeugen. Aber die bilden ohnehin eine kleine Minderheit. Wichtig ist, zu verhindern, dass deren Ängste auf die Unvoreingenommenen überspringen. Zudem bieten wir – je nach Bedürfnissen in der Region – auch Möglichkeiten der finanziellen Beteiligung oder vergünstigten Ökostrom.

 

Murphy&Spitz: Herr Koffka, wir danken Ihnen für das Gespräch!